Der Gentleman

Wenn heute von einem Gentleman gesprochen wird, assoziieren wir mit einer Erscheinung aus vergangenen Zeiten und denken eher an Schwarz-Weiß-Filme, traditionelle Handküsse und gehen davon aus, der Begriff sei passé. Ein Trugschluss, der allerdings viel Potenzial beim eigenen Auftritt brachliegen lässt. Denn eine Ummünzung auf den Alltag von heute erscheint am ersten Blick unmöglich – an sich überholt ist seine Bedeutung aber niemals.

Man sollte dem Begriff näher auf die Spur gehen und auf Rückschlüsse für das Jetzt durchleuchten. Historisch gesehen ist es einfach, den Gentlemen und seinen Sinn am Leben zu erhalten und sich selber, aber auch die Gesellschaft mit ihm zu bereichern.

Adel als Ursprung des Gentleman

Wo sonst, als im einstigen Adel, fielen im 18. Jahrhundert die Begriffe „liebenswert“ und „gütig“ mit „wohlgeboren“ oder „edler Abstammung“ zusammen. Damit sind drei Sprachräume abgedeckt, wobei Latein als Mutter der Sprachen Europas mit „gentilis“ als Synonym für die obige Charakterisierung dieses Grundverständnis schuf. Im Gegensatz zu damaligen Zeiten ist es heute aber jedermann möglich, sich als Gentleman zu verstehen.

Gentleman (1)

Früher inkludierte der Name nur Männer aus Adelsgeschlechtern und zeugte von der Zugehörigkeit zu „guten Häusern“. Ihnen wurden demnach diese Eigenschaften in die Wiege gelegt. Im 16. Jahrhundert durften sich auch Ritter und Großgrundbesitzer als den Gentlemen angehörig betrachten.

Dazu etablierten sich Verhaltensweisen, welche der Bezeichnung gerecht werden sollten. Allgemein fiel Bildung unter dieses Privileg, das anno dazumal noch sehr weit auszulegen war – Lesen und Schreiben an sich, das Beherrschen von Fremdsprachen und Allgemeinwissen waren ohnehin Privilegien der Herrschenden, diese Ansprüche mündeten zu Shakespeares Zeiten in Universitätsstudien. Der Kreis der Gentlemen war elitär.

Manche aber wollten den Begriff lieber auf hohes Allgemeinwissen reduziert wissen. Unterstellt wurde dem Gentleman allgemein ein moralischer Level, den man im Kontext mit einem barbarischen Zeitalter setzen muss. Mut und Selbstlosigkeit waren Ausdruck der Männlichkeit, der Gentleman sollte diese Ansprüche mit einer gewissen Güte verbinden.

„Ein Gentleman ist ein Mann, der einen anderen nie unabsichtlich beleidigt.“ – Oscar Wilde

Im 18. Jahrhundert gab es schließlich offizielle Vertreter der These, die wie William Harrison nicht auf die Herkunft, sondern das Wesen eines Mannes abstellen wollten. Der Besitzstand hingegen war bestrebt, seine indizierte Überlegenheit auf kein eigenes Zutun abstellen zu müssen und definierte als Gentlemen diejenigen, die ihr Leben „gänzlich ohne Arbeit“ sichern konnten. Mit dem Überbegriff der „Lebenskunst“ kristallisierten sich dennoch kennzeichnende Eigenschaften heraus, die Höflichkeit, Gleichgewicht und Charme in die Tugendlehre münden ließen.

Gentleman (2)

Heute verkörpert der Begriff der Gentlemen solche Anforderungen, die er selber erbringen muss und das selbige jeder für sich in Anspruch nehmen kann. Nicht Besitz, nicht Bildung per se sondern eher das Wesen, die Art, wie jemand sich präsentiert ist der Sinnesgehalt dieser inoffiziellen Auszeichnung, die niemand mehr erbringen muss, aber jedem offensteht. Doch: Was macht ihn heute nun aus?

Der selbstverdiente Gentleman im 21. Jahrhundert

Hier flüchten sich viele Ratgeber in allgemeine Benimmregeln, Dress-Codes aus Gesellschaften, wo der Adel noch erlaubt ist, nehmen Anleihen aus Königshäusern und Staatsempfängen und bereiten mitunter wenig Sinnvolles für den Mann von heute auf. Wer aber Kandidaturen als Bundespräsident erwägt, an Friedensgesprächen teilnimmt oder von Königin Elisabeth zum Dinner erwartet wird, benötigt ohnehin eine besondere Vorbereitung.

Gentleman (3)

Das wird hier nicht abgedeckt und auch die korrekte Länge von Socken oder Strümpfen wird als irrelevant betrachtet. Dass solche auch beim Sitzen kein nacktes Schienbein zeigen sollten, gehört zur Stilfrage aber zeichnet keinen Gentleman aus. Das Ziel ist heute auch nicht eine „offizielle Zugehörigkeit“ zu einem imaginären Kreis, sondern dem Sinn und Zweck zu entsprechen und sich selber durch das eigene Verhalten alle Tore und Türen zu öffnen, die früher nur manchen offenstanden. Vor allem nach oben hin.

„Ein Gentleman ist, der auch zu jemanden freundlich ist, von dem er nichts zu erwarten hat.“ – Joachim Biere

Und das bedeutet, die eigene Individualität in gewisse objektive Muster situationsbedingt anpassen zu können. Insofern weichen hier die Regeln von manch oberflächlicheren Ratgebern ab – doch ist darauf hinzuweisen, dass die speziellen Artikeln wie Knigge, das Verhalten als Gast oder Gastgeber oder bestimmte Dresscodes auch dazugehören. Hier werden allgemein gehaltene Basics erarbeitet.

Grundsätzlicher Umgang innerhalb einer Gesellschaft

    • Pünktlichkeit ist ein Zeichen von Respekt.
    • Der Witzbold unter uns sollte vorerst schweigen und den Humor der Gesellschaft ergründen, ehe er in ein Fettnäpfchen tritt. Eine gewisse Aufmerksamkeit, die zu diesen Erkenntnissen führt, entspricht der Etikette der Gentlemen von anno dazumal und heute.
    • Das Sakko zu Tisch nicht ablegen.
    • Wichtig ist angemessenes Verhalten bei emotionalen Themen. Aktuelle oder dominante Probleme, welche die Gesellschaft spalten, brauchen eine Sonderbehandlung. Eine grundsätzlich wertfreie Haltung sollte dem Gentleman immanent sein. Sachlich begründete Positionen, die zwar in Kritik münden können, sind natürlich erlaubt. Man sollte dabei immer so formulieren, dass vermutete negative Folgen eines Verhaltens als solche präsentiert werden, aber dabei keine Pauschalangriffe gegenüber Gruppen erfolgen. Genauso ist eine inhaltliche Positionierung zu ethischen oder religiösen Themen zu behandeln.
    • Nicht wie „Stars und Sternchen“ durch den Auftritt provozieren. Extravaganz auszudrücken lässt sich mit dem Gentleman nur ausnahmsweise vereinbaren. Das bedeutet nicht, dass es „verboten“ wäre. Man muss sich nur bewusst sein, was man von sich selber erwartet.

Gentleman (4)

  • Eine respektvolle Grundhaltung gegenüber jedermann ist die beste Grundregel – man kann sich immer „seinen Teil“ denken. Und wird dabei gewiss als interessanter wahrgenommen als der Tischgenosse, der seine Gesinnungen auch demjenigen lautstark mitteilt, der sich nicht dafür interessiert.
  • Neugierig bleiben, auch andere Meinungen anhören. Es ist ein Zeichen von Weltoffenheit und Bildung, so viel wie möglich mit einzubeziehen.
  • Überzeugungen zu haben und auch zu vertreten ist dagegen eine andere Sache und sehr wohl erlaubt und gewollt. Das setzt aber einmal voraus, dass der Gesprächspartner sich dafür interessiert. Stößt etwas nur auf Interesse von einer Person, ist das Gespräch nur an diesen zu richten und nicht mit einer Stimme, die zu fünf andere durchdringt. Beteiligen sich weitere Personen am Gespräch, sind sie sehr wohl mit einzubeziehen. Man muss seine Überzeugungen aber sachlich begründen und den anderen denselben Respekt zuteilwerden lassen, den man sich selber wünscht. Niemanden fällt ein Zacken aus der Krone, wenn er sich von anderen auch einmal überzeugen lässt, genauso wenig wäre es in Fauxpas, wenn dies nicht der Fall ist und man sich selber treu bleiben kann. Man muss aber kein Thema in eine bestimmte Tiefe führen sondern kann respektvoll und charmant gegensteuern, wenn man nichts mehr hinzufügen möchte. Das sollte dann der Fall sein, wenn man bei einer Gesellschaft keine Risiken eingehen will.
  • Keine Abwertung sogenannter anderer „Klassen“. Das mag im 15. Jahrhundert dem Adel entsprochen haben aber zeigt im 21. Jahrhundert von Selbstwertproblemen.
  • Achtung vor sich selber: Versuchte Abwertung anderer erkennen und auch vor sich selber mit Respekt abschirmen.
  • Wer wirklich ein traditionelles Zeichen setzen möchte, ohne dies zu müssen, trägt etwa eine Weste und lässt in Anlehnung an vergangene Epochen den untersten Knopf offen.

Umgang mit dem anderen Geschlecht

    • Respekt und Gleichberechtigung ist Ausdruck des Gentleman von heute. Das bedeutet nicht, ein gewisser klassischer Hauch wäre unangemessen. Manche Gesten zeugen von Respekt und verleihen dem Herrn auch heute noch einen besonderen Charme.
    • Zum Handkuss – ist er noch zeitgemäß? Ein Muss ist er bestimmt nicht. Führt man allerdings eine Dame zum Date, darf man schon davon ausgehen, dass er willkommen ist. Er ist aber eher Gefühlssache bei einer Gesellschaft. Sehr wichtig: Mit den Lippen dabei nicht die Hand berühren oder gar ansabbern. Im Zweifel: lieber nicht.

Gentleman (6)

  • Autotüren und andere Türen für Damen öffnen und schließen zeigt von Stil.
  • Ihr in und aus Jacken oder Mäntel helfen und sie ablegen.
  • Dame betritt den Raum: Früher war das der Zeitpunkt zum Aufstehen. Hierzu ist eine Bewusstmachung der Situation erforderlich. Im Restaurant ist es eher Unfug. Kommt die Dame überhaupt zur eigenen Gesellschaft und nicht zum Nebentisch, ist das Aufstehen erst jetzt angemessen. Anders freilich, wenn die Gastgeberin privat das Speisezimmer betritt und vorher noch an Vorbereitungen werkte.

Mit etwas Grundverständnis für diese Basics kann man jede Situation „gentlemen-like“ meistern – heute bekommt man diese Bezeichnung nicht mehr geschenkt. Aber es ist jedem möglich, davon zu profitieren. Denn der Respekt, den er ausdrückt, wird auch ihm zuteilwerden.

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