Etikette am Tisch, worauf muss man(n) achten

Etwas Grundverständnis zur Entstehungsgeschichte der heute geltenden Tischmanieren vorausgesetzt lässt sich auch eigenständig bei unvorhergesehenen Situationen der Regelkatalog anpassen. Wie alle Entwicklungen waren auch die guten Sitten bei der Aufnahme von Speisen und Getränke vorerst einer Minderheit vorbehalten, welche sich in der Folge ausbreiteten.

Im Mittelalter bestand der „codex“ unter den Adeligen und verewigte sich erst im 15. Jahrhundert in Büchern. So konnten sich die Inhalte verbreiten und etablierten sich langsam zum fixen Bestandteil guter Erziehung. Die Allgemeingeltung heute ist unbestritten – wer die Etikette ignoriert, rückt sich in ein schlechtes Licht.

Wenn auch heute sture Abläufe in dieser Form nicht mehr zum Alltag gehören, machen doch viele Regeln Sinn und ermöglichen das Entstehen guter Eindrücke rund um eine Person.

Die Anfänge und Aussichten

Als „Tischzucht“ bezeichnet wird der zwingende Charakter in der hierarchisch ausgerichteten Gesellschaft dieser Epoche am besten beschrieben. Gerade soziales Verhalten war strikt geregelt und löste das vorangegangene ziemlich freie Procedere der Nahrungsaufnahme ab, wo noch mit den Händen gegessen wurde und selbst Essgeräusche zum typischen Ton gehörten. Umso verpönter betrachtete man allmählich Letztere und das Verwenden von Besteck setzte sich überall durch.

Als Gastgeber ist es heute notwendig, sich mit dem gesamten Procedere rund ums Servieren, Aufbereiten des Tisches bis zum richtigen Empfang auseinanderzusetzen. Wer denkt, der bloße Hausverstand würde hier ausreichen, irrt.

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Die Grundregeln zu kennen bedeutet keineswegs, im Verhältnis zur Durchschnittsgesellschaft „streng“ zu sein, vielmehr spiegeln sie ohnehin den durchschnittlichen Stand wider. Diese speziellen Anforderungen beim Essen selber und als Gastgeber wurden bereits detailliert veranschaulicht. Aber auch als bloßer Gast gibt es kleine „Do´s and Dont´s“, deren Nichteinhaltung möglicherweise eine Form sozialer Selbstschädigung darstellen.

Themen am Tisch

Sollte man sich nicht zufällig mit den engsten Freunden, welche sich durch ganz unikate Formen von Humor definieren, am Tisch befinden, gelten bei den Gesprächsthemen Einschränkungen. Ungustiöse Erzählungen von Krankheiten oder Behandlungen scheiden genauso aus wie sonstige Dinge jeglicher Natur, die Abneigung erzeugen können. Klingelnde Smartphones drücken mangelnde Wertschätzung gegenüber der Tischgesellschaft aus.

Sollte man also nicht gerade unbedingten Bereitschaftsdienst leisten, der einen möglichen und sofortigen Einsatz erfordern kann, gilt es als Tabu. Und selbst in diesem Fall weist man zu Beginn auf die Möglichkeit hin und entschuldigt sich vorab. Ansonsten: Die Telefonnummer des Gastgebers oder Restaurants ist etwa dem Babysitter oder den schon größeren Kindern nur für Notfälle bekannt zu geben. Erläuterungen zu Tisch, wie sich die Mikrowelle bedienen lässt oder Anfragen ähnlicher Natur, werden so verhindert.

Für den frischgebackenen Vater, dessen Gedanken insgeheim um den vielleicht nicht zu beruhigenden Säugling und diese Situation kreisen, empfiehlt es sich, mit technischen Einstellungen zu arbeiten. Entweder man stellt komplett lautlos und beruhigt sich selber durch gelegentliche Blicke aufs Display, wo keine entgangenen Anrufe wie kleine Entwarnungen wirken oder man stellt auf Vibration und trägt das Gerät unauffällig am Körper. Damit sind aber die maximal „zulässigen“ Ausnahmen schon aufgezählt.

Heute sollte klar sein: Rülpsen, Schmatzen, Schlürfen oder auch unangenehme Auseinandersetzungen zu Tisch sind absolut tabu. Auch die Verwendung von Zahnstocher ist hinter einer Serviette zu zelebrieren. Wer unter Schnupfen leidet, sollte sich mit einem Taschentuch vom Tisch entfernen und entschuldigen.

Auch Vorbereitung ist wichtig

Die Verwendung stark riechender Parfüms oder After Shaves harmoniert vielleicht mit einer Bar, in der nicht sonderlich gut gelüftet wird aber gewiss nicht mit dem Ambiente einer Tischgesellschaft. Das Tragen von Taschentüchern sollte man stets griffbereit in die Kleidung integriert haben.

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Was für Kinder gewiss noch schwierig ist, gilt umso mehr für den Erwachsenen: Die richtige Körperhaltung sollte man sich angewöhnt haben, um nicht in lockerer Stimmung doch in eine andere Gewohnheiten zu verfallen – Beine nicht überschlagen, aufrecht sitzen, nicht umher rücken oder zappeln, die Hände bleiben am Tisch und nicht unter diesem. Manche Persönlichkeiten sollten das privat üben. Denn es ist dem Menschen evident, in Gewohnheiten zu verfallen ohne dass ihm das bewusst ist.

Zeitgemäß und adäquat: Zeichensprache im Restaurant

Überdenken muss man die Bezeichnung der Bedienung, welche je nach Geschlecht variiert. „Herr Ober“ ist noch gängig, doch „Fräulein“ gehört schon vergangenen Zeiten an. Auch gibt es keine zeitgemäße Bezeichnung. Das Beste ist, die richtige Situation abzuwarten und sie mit einem Handzeichen zu Tisch bitten.

Dasselbe gilt auch in Situationen, wo die konkrete Bedienung ersichtlich noch in Ausbildung steht und schon daher eigentlich nicht die Bezeichnung des Obers trägt. Aber auch in eindeutigen Situationen ist die lautlose Kommunikation definitiv vorzuziehen.

Alkoholgenuss und persönliche Ernährungsfragen – Themen der Etikette?

Die Antwort lautet ja. Ab einem gewissen Ausmaß betrifft die Frage des Alkoholgenusses mit Sicherheit das Benehmen – doch auch grundsätzlich ist das Thema seine damit verbundenen Vorüberlegungen wert. Früher war es üblich, dem Gast zu wiederholtem Male dasselbe anzubieten – auch dann, wenn er bereits abgelehnt hat. Wer prinzipiell keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen möchte und somit sogar den Lieblingswein des Gastgebers ausschlagen muss, läuft heute in unserem Kulturkreis ausgeprägter Toleranz keinerlei Gefahr mehr, als unhöflich betrachtet zu werden.

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Man muss auch seine ablehnende Haltung nicht begründen. Denn ein aufmerksamer Gastgeber kennt die stillschweigende Regel, bietet alkoholfreie Alternativen von selber an und drängt keinem Anwesenden anderslautende Einstellungen an. Dasselbe gilt beim Essen – Respekt vor Personen, welche tierische Produkte ablehnen oder an diversen Unverträglichkeiten leiden mit eingeschlossen. Kein Gast darf sich genötigt fühlen, zu Tisch mit persönlichen Rechtfertigungen aufwarten zu müssen.

Dasselbe gilt für den Gastgeber: selbst wenn die Runde mit ausgesuchten Weinen verwöhnt, bedeutet das nicht zwingend, dass er ihn selber konsumieren muss. Freilich ist es nicht verboten, seine Haltung ehrlich zu begründen. Man darf aber heute niemand praktisch genötigt werden, sich vor einer Tischrunde zu offenbaren. Immerhin könnte der Grund in einer aktuellen Magen-Darm-Verstimmung oder der Behandlung von Nutztieren liegen und negative Themen generell rund um gebotene Nahrungsmittel sind ein absolutes Tabu, welches so erst provoziert würde.

Prosten und Trinksprüche

Natürlich ist das eine Frage der konkreten Gesellschaft. Eine vertraute Runde mit gesellig orientiertem Verhaltenskodex ist ohnehin vom allgemeinen Verhaltenskodex ausgeklammert. Ansonsten nämlich ist es mittlerweile verpönt, mit Anstoßen oder Zurufen auf den ersten Schluck einzustimmen. Ausnahmen sind Anlässe, wo etwas Bestimmtes gefeiert wird – dann gehen ohnehin ein paar themenbezogene Worte dem Anstoßen voraus.

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Bei uns geht man auf Nummer sicher, indem man das Glas hebt und, bestenfalls mit einem Lächeln, in die Runde blickt. Dann nimmt man den ersten Schluck und ehe man das Glas wieder zurückstellt, wiederholt sich der Blick. Zurufe dabei sind unnötig und sollten eher Stammtischmanieren zugerechnet werden.

Wissenswertes: „Amuse-gueule“

Als Aufwertung der gesamten Zusammenkunft wird häufig eine kleine Voreinstimmung zum eigentlichen Speiseplan serviert. Kleine Häppchen, der Fantasie des Gastgebers oder dem Restaurant überlassen, werden immer häufiger als kleine Überraschung zu Beginn serviert.

Wer im privaten Rahmen welche vorbereitet, sollte möglichst neutrale Lebensmittel verwenden und auch geschmacklich möglichst die breite Masse treffen. Früchte und Gemüse mit Saucen belassen viel Spielraum in der Aufbereitung. Deren Optik kommt hohe Bedeutung zu – hier darf man Fantasie und Individualismus einbringen.

Freudig überraschte Gäste sollten diese Empfindung nicht zum Ausdruck bringen. Es zeigt eine gewisse Unkenntnis der Abläufe von heute. Es wäre peinlich, wenn man zur Bedienung sagen würde: „Es sieht gut aus, aber ich habe nichts bestellt.“ Ein gutes Haus gibt aber eine kleine Erklärung beim Servieren ab und vermeidet solche Reaktionen von sich aus.

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Das Häppchen ist als Gruß aus der Küche zu verstehen und außer einem kleinen Dankeschön wird nichts erwartet. Doch das bereits vorhandene Besteck ist dafür nicht zu verwenden – wird keines mitgebracht, handelt es sich um eine fingertaugliche Kleinigkeit.

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