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Die Fliegeruhr – nicht nur für Piloten die erste Wahl

Als Fliegeruhr werden jene funktionell definierbaren Uhren bezeichnet, die für Piloten auch tatsächlich geeignet sind. Um nichts weniger eignen sich dieselben Vorteile für jedermann, der auf sie Wert legt und es ist durchaus angemessen, auch als Nicht-Pilot auf diese beliebten Modelle zurückzugreifen.

Gesellschaftlicher Durchbruch mit der Fliegeruhr

Die Produzenten des 20. Jahrhunderts orientierten sich dabei an nichts anderes, als der Entwicklung von Armbanduhren, die den eingebauten Uhrwerken am Cockpit zur Verfügung standen und stehen. Eine Stoppuhrfunktion gehört dazu – sie ist an einem kleinen, eigenen Ziffernblatt festgemacht. Als Chronometer der Seefahrt schon bekannt war diese zusätzliche Präzision am Armgelenk eigentlich gar nicht weiter nötig. Doch der Ehrgeiz und die Innovationsbereitschaft waren vorhanden und schafften eigentlich eine Unterform der Militäruhr.
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Technische Unterschiede gibt es nicht. Vor allem in der Vermarktung werden Unterschiede gemacht, bei der Leistung selber sind die Differenzen marginal. Man kann von identischen Eigenschaften sprechen. Sie sind aber Ausdruck einer hohen Präzision und Professionalität. Damit trugen sie vor allem dem Zeitgeist Rechnung, der genau durch diese Eigenschaften für viele Träger gestärkt wurde. Man erwarb mit der Fliegeruhr ein Gefühl und eigene Ausdrucksfähigkeit. Sie wurde zum Markenzeichen des Perfektionisten aus dieser Zeit.

Schon 1906 begann der Hype, und zwar mit dem heute jedem bekannten Label „Cartier“. Ein brasilianischer Pilot, Santos mit Nachnamen, fungierte auch als Namensgeber für Cartiers erstes Modell. Damit war sozusagen ein Dammbruch erreicht: Zuvor waren Armbanduhren generell nur als Schmuckstück für Damen üblich, bei Männern hätte das einen zu femininen Eindruck hinterlassen. Sie waren auf das Tragen einer Taschenuhr beschränkt.

Es war geradezu ein Tabu – doch spätestens mit dieser Innovation wurde alles anders. Diese Flieger- und Vorreiter-Herren-Armbanduhren waren allerdings bewusst schlicht und robust ausgestattet – Funktionalität definierte die Optik, jedes Zuviel wäre nicht durchsetzungsfähig gewesen. Ein interessanter Aspekt hinsichtlich des Umstandes, dass eine zusätzliche Armbanduhr des Piloten – mit dieser Genauigkeit – gar nicht notwendig war. Es erscheint, als hätte Funktionalität erst gesellschaftlich ermöglicht, dass auch die Herren sich optisch aufwerten dürfen.
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So waren sie extrem hoch qualitativ konstruiert – stoßfest, langlebig, präzise. Ihre Armbänder waren so lang, dass man sie sogar über der Fliegerjacke tragen konnte. Farblich waren es vor allem Schwarz und Weiß, die für hohen Kontrast sorgten. Eine Minutenanzeige, eine Stundenanzeige – so kann man sich die gesamten Modelle am besten vorstellen. Allerdings: Um die Sichtbarkeit auch nachts zu gewährleisten, wurde die Zwölf in Form eines Dreiecks gebracht. Und diese wurden in radioaktiv dotierten Leuchtfarben hergestellt, genauso wie die Zeiger selber.

Eine Bedienbarkeit der Krone war auch mit klobigen Handschuhen möglich, denn sie war extra dazu sehr groß dimensioniert. Auch ein Tachymeter durfte schon damals nicht fehlen – was sonst nur das Flugzeug bot, war  plötzlich am eigenen Handgelenk verfügbar. Natürlich war die Fliegeruhr ein innovativer Renner dieser Zeit. An speziellen Eigenschaften wurde natürlich fortan immer noch gefeilt – etwa Drehzifferblätter mit astronomischer Navigation durch Charles Lindbergh, Antimagnetismus und Widerstandskraft gegen extreme Witterungsbedingungen wurden zum Standard der Folgemodelle.
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Als daneben bereits die ersten Quarzuhren entstanden, waren sie freilich noch lange keine ernstzunehmende Konkurrenz. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Borduhren selber nur noch als Ersatz oder Ergänzung gedacht.

Was gilt heute als Fliegeruhr?

Ob man heute von einem Modell als Fliegeruhr sprechen darf oder nicht, obliegt nicht dem Produzenten oder Handel. Hier gibt es seit jüngerer Zeit exakte Vorschriften, die DIN-Normen. Für die Erarbeitung verantwortlich zeigen sich der Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik der FH-Aachen-University of Applied Sciences gemeinsam mit der Wirtschaft, konkret die Sinn- und Spezialuhren GmbH in Frankfurt. Das war allerdings lange Zeit anders.
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Die „TESTAF“, Technischer Standard Fliegeruhren“ geben im Wesentlichen vor, dass die Ablesung bei Tag und Nacht ermöglicht werden, ein gewisse Widerstandsfähigkeit gegen Stöße, Vibrationen, zyklischen Druckveränderungen und flugbetrieblich üblichen Flüssigkeiten vorhanden sein müssen und eine Komptabilität mit der gesamten Bordtechnik zu gewährleisten ist. Heute sind das etwa magnetische Auswirkungen der Bordinstrumente.

Man darf also nach wie vor sicher gehen, beim Erwerb auch die tatsächliche Funktionalität zu erhalten, solange man nicht gerade eine „Fliegeruhr“ auf einem Straßenstand ergattert. Gefördert wurde die Forschung auf diesem Gebiet von mehreren Insidern der Branche, wohl mit gutem Grund. Während Taucheruhren bereits lange Zeit gesetzlichen Normen entsprechen müssen, wurde der Schutz für Fliegeruhren erst damit geschaffen.

Das Projekt wird auf einer eigenen Webseite des Institutes genau beschrieben. Mittlerweile haben aber viele Anbieter die Vorgaben verinnerlicht und betraten den Markt auf dieser Basis mit neuen, trendiger ausgestatteten Modellen. Die Charakteristika orientieren sich dabei nach wie vor an den bewährten optischen Markenzeichen aus ihrer Entstehungsgeschichte.
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Namhafte Marken und Modelle von Fliegeruhren gibt es heute zuhauf. Kaum ein namhafter Erzeuger möchte nicht in der nach wie vor als Präzisions-Highlight geltenden Liga mitspielen. Damit öffnete sich auch der Zugang zu optisch unterschiedlicheren Variationen. Und heute ist Schmuck für den Herrn gesellschaftlich genauso anerkannt wie anno dazumal für die Frauen. Fliegeruhren werden aber schon charakteristisch ihren Ursprung nicht verlieren: Maskulinität in ihrer unverfälschten Rein-Natur als Repräsentant ausgefeilter Technik.
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About Sebastian

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2 Kommentare

  1. Schöner Hintergrundartikel: Erklärt einen Begriff, den ich oft lese aber über den ich nicht weiter nachdenke. Das macht die Uhren nun direkt interssant.

    Gerne mehr solcher Artikel.

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