Der Guernsey Sweater – ein Kleidungsstück, welches nicht nur Seefahrer tragen können…

Schon im 17. Jahrhundert, als die Seefahrer noch härtesten Bedingungen zu trotzen hatten und  bei der Wahl der Arbeitskleidung auf eigenes Gutdünken angewiesen waren, zeigten sich Wollpullover bestimmter Art als besonders zweckdienlich. Wasserabweisende Materialien bei Kleidung wären ein Novum gewesen – es musste Gewohntes modifiziert werden. Denn gerade der Bereich um die Lungen, der Brustbereich, forderte bei ihnen besonderen Schutz vor nasskalten Verhältnissen, zumal einer Lungenentzündung damals noch höheren Konsequenzen zuteilwurden als heute.

Nicht selten fand sich der Eine oder Andere völlig durchnässt wieder – ein gewisses Hasard-Spiel. Sich dieser Umstände heute bewusst zu sein, ermöglicht erst eine Einschätzung über die Guernsey-Sweater und ihren Stellenwert von damals sowie die Vorteile. Mag es auch nicht in diesem Ausmaß notwendig sein – auch heute lässt sich davon profitieren.
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Denn die Lösung aus Sicht von anno dazumal: ein durch Verzierungen verstärkter Oberbereich, der sich quasi als Markenzeichen der Guernsey Sweater etablieren konnte. Es bleibt die Bewegungsfreiheit um die Arm- und Schultermuskel erhalten und schaffte einen bravourösen Schutz des Oberkörpers, freilich im Vergleich zu den damaligen „Optionen“. Ein rautenförmiger Schnitt an den Achseln sorgte von Anfang an für genügend Space bei den Bewegungen des Armbereichs.

Offizielle Kleidung der Flotte Großbritanniens

Natürlich sähe das heute anders aus. Der Name stammt übrigens von der Kanalinsel zwischen England und Frankreich, also von einer relativ kleinen Region, wenn man die rapide Ausbreitung bedenkt. Denn rasch fanden sich an anderen britischen Häfen massenweise begeisterte Nachahmer. Im 19. Jahrhundert empfahl sie der namhafte Admiral Nelson als offizielle Bekleidung der britischen Flotten. Kammspinnen wurde in der Folge auf den Kanalinseln zu einem bald darauf unverzichtbaren Gewerbe, welches vielen Menschen zur Sicherung des Lebensunterhalts diente.
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Die Kleidungsstücke wurden damals immer innerhalb der Familie weitergegeben, so war undenkbar, wenige Jahre später das gute Stück als „out“ in die Bedeutungslosigkeit zu verfrachten. Und auf diese Weise blieb auch für uns die Machart schon eine derart lange Zeit authentisch erhalten. Abläufe, die es so heute nicht mehr gibt: Alte Erzählungen handeln von den Fischersfrauen, die bis zu später Stunde vor den Hauseingängen strickend den Alltag verbrachten.

Manche Sippschaften entwickelten eigene Muster, eigene Garnkombinationen und Schnittarten. Zum Teil waren auch schon Initialen eingearbeitet – jedenfalls wurden die jeweiligen Modelle zum Zeichen des Hauses im weiten Sinn. Wenn ein Fischer ertrank, konnte man am Pullover die Zugehörigkeit erkennen und er identifiziert werden.
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Die Knopfleiste an den Schultern ist auch bei Modellen von heute häufig noch zu sehen. Die Musterungen haben sich allerdings stark verfeinern und verbessern können. So überholte schon längst die Optik reine Funktionalität – ohne diese aber zu beeinträchtigen, sofern man auf authentische Hersteller zurückgreift. „Woolen Mills“ etwa widmet sich noch immer der Erzeugung auf herkömmliche Weise. Diese Tradition wird dabei so groß geschrieben, dass Kenner und Liebhaber gerne bereit sind, modische Trends ganz bewusst zu vernachlässigen.

Großerzeuger greifen natürlich auch immer wieder auf diese spezifische und an sich hochwertige Stilrichtung zurück, dabei aber verlässt sie sich nicht auf Traditionalisten, sondern will die Masse erreichen und bringt fashionbedingt modifizierte Abwandlungen auf den Markt. Lokaler Erzeugung und Tradition verschreiben sich dabei nicht viele derer.
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Während die Optik daran erinnert, ist die Hochwertigkeit wohl nicht mehr vergleichbar mit dem Sinne des Erfinders. Aber heutzutage ist auch niemand mehr auf eine derart hohe Qualität so dringend angewiesen und es sind gewiss passable Modelle für den Normalgebrauch dabei.

Das Besondere am Original

Der gesamte Pullover wurde mit zwei Nadeln gestrickt – pro Nadel der Vorder- und der Rückenteil. Oben strickte man beide Hälften einfach wieder zusammen. Üblich ist ja sonst ein getrenntes Stricken der einzelnen Teile. Eine Reihe an rechten und linken Maschen, welche am Endstück die Optik einer Naht schufen, war ursprünglich eine bloße Hilfe zur Orientierung der Strickerin und Stricker.
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Denn männliche Familienmitglieder waren genauso konfrontiert damit und durch die Arbeit am Fischernetz waren Vorkenntnisse stets vorhanden. Freilich war es unmöglich, dass schriftliche  Anleitungen verfasst wurden – es konnte damals kaum jemand schreiben. Man konnte nur den eigenen Nachwuchs dementsprechend einschulen. Sie mussten auch die eigenen Muster auswendig lernen und stetig üben. So wurden für damalige Verhältnisse nahezu wind- und wasserdichte Erzeugnisse kreiert – eine Innovation, die Ihresgleichen erst suchen musste.

„Sundays Best“ – was damals gut war, ist auch heute billig

Gewaschen wurden sie jedoch nur selten. Eine gewisse Dreckschicht sorgte für zusätzlichen Schutz vor der Witterung. Sie hatten aber auch ein Exemplar für Sonntage – der „Sundays Best“ entbehrte übelriechende Zusatzschichten und zeigte den Träger auch von der ästhetischen Seite. Diese Parallele bietet einen guten Sprung ins Heute: Der gemütlich-kuschelige Guernsy Sweater für familiäre oder auch halboffizielle Wochenend- und Feiertagsbesuche ist mit Bestimmtheit eine gute Wahl, ob man sich nun als Traditionalist mit den Originalen oder fashiondurchsetzten Modellen präsentiert.
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In der Nähe von Dublin sammeln sich allerdings noch immer einige der Hersteller, die dem Guernsey Sweater und so sich selber treu geblieben sind. Dabei sind „Inis Meain“ und „Edmond Mc Nulty“ zu nennen, wo hochwertige Materialien die Standards setzen. Letzterer setzt den Fokus zum Teil auf Mohair, wodurch sich eine besondere Leichtigkeit des Endprodukts ergibt.

Abgewandelte Guernsy-Modelle

Niemals Stilbruch erleiden kann man(n) und frau mit den Unisex-Modellen in dezenter Aufmachung und Farbgebung wie dunkleres Blau, Rot oder Erdfarben und alle Nuancen zwischen Weiß und Schwarz. Natürlich gibt es heute auch Varianten in Strickjacken-Form, wo die Schnitte für Männer naturgemäß anderer Konstellation sein müssen. Dabei sind es häufig auffällige Musterungen, die durch ihr bloßes Weglassen die Schlichtheit zur Besonderheit anwachsen lässt.

Hochqualitative Modelle benötigen das nicht. Wer allerdings den Sprung in das Sortiment der traditionellen Erzeuger wagt, kann auch dort mittlerweile zwischen vielen Arten, Mustern und Farben wählen. Genauso wie einst die Fischer aus den Kanalinseln, die mit Hingabe ihr eigenes Markenzeichen kreierten.

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