Herrenweste – das muss man(n) wissen

Altbewährt und doch von der fashionbegeisterten Masse immer etwas unterschätzt erscheint mir die gesellschaftliche Wertschätzung der Herrenweste. Vielleicht liegt ein gewisses Bewusstseinsdefizit über die flexiblen Einsatzmöglichkeiten vor. Die Modemacher integrieren immer wieder ein neuartiges Modell in ihre Kollektionen – im Gegensatz zu anderen Kleidungsstücken überholen sich die neuartigen Modelle dabei nicht so schnell und sind – am modischen Aspekt gemessen – langlebiger.

Während sich etwa die lässigen Westen aus Sweatshirt-Materialien mit Reißverschluss, häufig mit Kapuzen, als besonders alltagstauglich erweisen und schon seit vielen Jahren bei jüngeren Semestern und Kindern sehr beliebt sind, birgt aber die Weste in jeder Stilrichtung gerade für Männern hohes Potenzial für auch anspruchsvolle Kombinationen.

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Zugegeben: Die jugendliche Kapuzenweste entspricht nach wie vor dem Dresscode für ziemlich jede Alltagssituation, informellen Anlässen und deckt auch kleinere Temperaturschwankungen ab. Das Kleidungsstück soll aber keineswegs darauf beschränkt bleiben. Mit Herrenwesten in verschiedenen Stilrichtungen schützt man sich nicht nur vor kühlen Temperaturen, sondern passt flexibel sein Auftreten den jeweiligen Erfordernissen an.

Die Herrenweste schrieb auch Geschichte und gibt stilistisch mehr her als andere anpassbare Wärmequelle für In- und sowohl Outdoor-Aufenthalte. Im Gegensatz zu allen anderen ist sie für beides geeignet und das bedeutet viel Spielraum beim Tragen und Kombinieren.

Rückblicke auf die Geschichte der Herrenweste

Beachtet man anhand der Geschichte von Kleidungsstücken die einstigen Funktionalitäten, so erkennt man an Details der aktuellen Modelle die immerwährenden Charakteristiken. Auch die Weste war anfänglich bestimmten Funktionen vorbehalten. Der Wams, welcher unserem Begriff der Weste schon ziemlich nahesteht, war bereits ab dem 13. Jahrhundert einsatzfähig.

Der Name geriet freilich in Vergessenheit, das Bildnis allerdings jedem bekannt: Mit Pluderhose und Oberrock beließ diese Aufmachung die Beine der Herren noch frei und wurden in Spanien und Frankreich in diversen Ausführungen zum wegweisenden Grundgerüst der Kleidermacher. Die Eindrücke flossen im 17. Jahrhundert zusammen und einten sich vorerst in der langärmeligen Weste, die einen eigenen Schick entfaltete und wiederum federführende Zeichen an die damaligen Mode- und Kleidermacher des Adels darstellten.

In dieser Epoche noch etabliertem sich schon die ersten Modelle als Ausdruck des modebewussten Mannes – und zwar unabhängig von Stand und Klasse. Während ansonsten die meisten Innovationen den Herrschenden vorbehalten blieben, war die Weste – freilich in anderen Qualitätsstufen – auch dem einfachen Bauern erlaubt.

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Vorläufer war der sogenannte Justaucorps, ein für Soldaten geschaffenes Kleidungsstück. Die schon durchlässigeren Ärmelröcke entwickelten sich als anfangs lange Oberbekleidungen für den Herrn und zeichneten vor allem die Modewelt des männlichen Adels aus. In der Länge entsprachen sie etwa dem heutigen Frack.

In der Folge wurde der Gesellschaft der gesamte Einsatzbereich von Westen bewusst, und doch beschränkte sich der Einsatz von Jacken noch auf das männliche Geschlecht – bei den Damen entwickelte sich die Überbekleidung in Orientierung an ihre Kleider. Mäntel waren für sie noch nicht wegzudenken. Für die Damenmode wurden noch keine Modelle geschaffen, eine Ausnahme bildete nur Sonder-Bekleidung zum Reiten.

So wurde im 20. Jahrhundert das Tragen von Westen ein Mittel zu emanzipatorischer Ausdrucksweise. Als lange eigenes Kleidungsstück für den Mann trug man so den beginnenden gesellschaftlichen Wandel gezielt nach außen und revolutionierte auch die verschiedenen Stilrichtungen der Westen überhaupt.

Herrenweste als Trendsetter

Die Westen erfüllen noch heute oft besondere Zwecke. Vor allem zeichnen sie dabei den Träger mit gewissen Zugehörigkeiten aus, etwa als Teil einer Uniform. Rein auf den Zweck stellen beispielsweise Warnwesten, Rettungswesten und schusssichere Westen ab. Dazu kommt der gesamte Outdoor-Bereich, wo Naturfarben und sichtbare Einsteckmöglichkeiten in der Oberbekleidung gerade Fischer und Jäger ihren Auftritt seine spezielle Note verleihen.

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Während der Warnweste mit ihren schrillen Farben keine optisch beliebte Vorgabe abgewonnen wird, wird aber mit anderen Funktionswesten sehr wohl eine Art sportliche Kernaussage assoziiert: So ist man gerade in der freien Natur auch mit ärmellosen Westen als Wärmebringer bestens bedient und die Ausdrucksfähigkeit der Aufmachung stark maskulin geprägt.

Auch regionale Entwicklungen bringt man hier am besten zum Ausdruck, denn es gibt kaum Regionen, wo eine Herrenweste nicht in folkloristischen Aufmachungen erhältlich wäre. Das Gute daran: Die anderen Kleidungsstücke müssen nicht wirklich darauf abgestimmt sein. In Ergänzung mit einer Jeans kann man kaum Fehler machen.

Informelles Pendant zum Sakko

Welche Grundausstattung auch immer angelegt wird – mit einem kleinen Repertoire an Herrenwesten im Schrank steht ein wichtiges Werkzeug für große Flexibilität im Auftreten bereit. Ein Griff in den Schrank und veränderten Umständen wird Rechnung getragen. Im Büro oder Auto aufbewahrt kann auch ein tagsüber spontan geplantes Freizeitvergnügen umgesetzt werden ohne etwa mit Sakko komplett overdressed irgendwo auftauchen zu müssen.

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Ob aus praktischen oder stilistischen Überlegungen ist die Herrenweste das informelle Pendant zum Sakko – mit weniger Anforderungen beim Tragen, Reinigen oder Aufbewahrung. Die breite Auswahl bei Westen von heute bietet jedem Individualisten seine besondere Akzentuierung. Daher wird hier nicht erst auf Materialen oder sonstige Details abgestellt, sondern Tipps aus Erfahrung zusammengetragen. Denn nichts geht rascher und einfacher als mit einer Weste dem auch einfallslosen Grundoutfit Leben einzuhauchen – vor allem dann, wenn der Zeitfaktor eine Rolle spielt.

Das Gilet – eine Form der Herrenweste

Eine nachhaltig beliebte Form war und ist das Gilet, welches die einstig zwingende Zugehörigkeit zu einem Anzug schon längst hinter sich gelassen hat. Highlights erlebte es je in den 70ern und 90ern, wo das Gilet seinen formellen Charakter durch Lässigkeit ersetzen durfte und selbst in die Garderobe der Jugend Einzug nahm. Den Arten traditioneller Natur, wie folkloristischen Modellen, tat das keinen Abbruch – im Gegenteil: Die Gilets in ihren unterschiedlichen Ausführungen geben jedem Outfit heute seinen spezifischen Akzent: von ländlicher Folklore bis zum fransigen Hippe-Style, dem eleganten Touch bis zur kuschelig-heimeligen Ergänzung wenn sich zuhause Besuch ankündigt.

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Der Stil Letzterer ist an sich neutral und beispielsweise ideal, wenn der Boss zum Essen kommt. Ein neutrales Gilet empfiehlt sich auch für spontan windige Verhältnisse draußen bei grundsätzlich noch wärmerer Temperatur. Sie sind häufig wattiert und schützen den Oberkörper, während die Arme frei bleiben und man nicht schwitzt. Stilistisch und farblich sollte man damit nicht einschränken, damit es stets übergezogen werden kann.

Die Outdoor-Westen

Ihre Materialen sind letztlich dieselben wie bei Übergangsjacken und genauso breit ist auch die optische Erscheinungsmöglichkeit. Die Unterscheidung verläuft eher fließend. Sportlichkeit in der Aufmachung ist ein Akzent, der so gut wie immer passt, ob privat oder informell/beruflich.

Wer gewisse andere Eindrücke damit verbinden möchte, wird genauso fündig: Der „Naturbursch“, der Folklorist, der „Unscheinbare“ oder schlicht hipp – auch hier kann jeder für sich das Passende entdecken. Sie sind auch in unzähligen ärmellosen Ausführungen erhältlich.

Der sanfte Style

Hier kann sich der bei der Damenwelt beliebte „Softie“ präsentieren – kuschelige Materialien dienen dem Hemd eine schon traditionell bewährte Ergänzung, die durchaus eine gewisse Eleganz bewahrt. Damit ist auch der gemütliche Spaziergang oder Besuch eines Straßencafés bei kühlen Lüften abgedeckt. Auch spontan lässt sich mit diesem Begleiter eine diverse Unternehmung oder Date abdecken, wo der Auftritt im Gegensatz mit typischen Jacken eher gemütlichen Charakter hat.

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Wie warm weiche Textilien sein können, weiß übrigens wohl nur, wer sie schon kennt: Manche Modelle stehen einer Winterjacke nicht um viel nach. Zyniker erkennen den Frauenheld hinter dieser Aufmachung, so soll die Assoziierung mit Kuscheltieren unbewusst für Sympathien beim anderen Geschlecht sorgen – doch Vorsicht: Verwenden Sie keinesfalls echte tierische Materialen, sondern synthetische. Sonst könnte heute das Gegenteil eintreten.

Der typische Spencer

Als Ergänzung zu Anzug oder Sakko, zumindest aber zu einem Herrenhemd, ist die klassische Variante des Spencer ein zeitloses Kleidungsstück, welches vielleicht in Sachen Funktionalität nichts hergibt aber umso mehr in Sachen Optik. In folkloristischen Ausführungen oder klassisch elegant kennt und schätzt sie nachhaltig die Fashionwelt, wenngleich sie in ihrem Kern mit Neutralität am besten beschrieben sind.

Schon längst entdeckten sie die Modemacher und sind geeignet für Mann und Frau, Jung und Alt und so gut wie mit allem kombinierbar. Insbesondere zur Jeans ist nach wie vor erlaubt, eigene Akzente damit zu setzen. Es genügt auch ein Shirt für drunter.

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In Anlehnung an den eigentlichen Spencer entwickelten sich auch topmodisch-lockere Modelle, in Strick-, Häkel- und weichen Lederimitaten, die den Rocker- oder Hippie-Style auf je originelle Weise alltagsfähig machten.

Die klassische Variante des Spencer gilt immer als Basic für solche Herren, die formelle Erscheinungsbilder vertreten müssen und am Land, wo die Folklore gewisse Zugehörigkeitsmerkmale etablieren. Die Unterscheidung zum Gilet kann oft nur schwer getroffen werden. Man muss davon ausgehen, dass beide Bezeichnungen verwendet werden.

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