Hosenträger – In oder Out?

Diese Frage stellt sich immer wieder aufs Neue und lässt sich abschließend so kaum beantworten. Wir schreiben Ende 2015 – ob Hosenträger als „in oder out“ präsentiert werden dürfen bedarf einiger Grundsatzüberlegungen. Diese Antworten sind dafür zeitlich unbegrenzt gültig und lassen sich unschwer auch künftig zur Lösung heranziehen.

Die erste, für mich als gewissermaßen konsumkritischen Zeitgenosse, gehört zweifellos der schwierigsten Sorte an: Was ist „in“? Immerhin lässt diese Fragestellung beim Verkauf im Einzelhandel bei so manchen die Schweißperlen auf die Stirn treten, denn manch Verkäufer betrachtet nicht selten das aktuell eigene Repertoire als „in“, den Rest als „out“. Bei Hosenträgern kann man daher oft unterschiedliche Antworten erhalten.

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Fakt ist: Im guten Einzelhandel findet sich so gut wie immer ein Paar hochwertiger Hosenträger, die sich auch mit dem sonstigen Angebot kombinieren lassen. Das bedeutet, die Fragestellung an sich ist falsch – die korrekte Frage müsste daher lauten:

  • Wie kombiniert man jeweils Hosenträger fashiongemäß?
  • Was wurde zum No-Go und ist überholt?
  • Welche Hosenträgerarten gammeln als Ladenhüter im Regal und werden vom Kenner gnadenlos enttarnt?

Ich machte mich auf die Suche nach den Antworten und die erste Erkenntnis lautete, dass auch nicht alle Anbieter auf diese Fragen vorbereitet sind. Und doch gibt oft zu schnell so mancher die persönliche Meinung zum Besten. Kaum jemand verfolgt die Fragen allgemein, sie stellen sich nämlich eher selten, nämlich dann, wenn jemand entweder aus praktischen Gründen oder schlicht aufgrund Gefallens am guten Stück sie konkret kombinieren möchte.

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Zurück zum Ursprung: Funktionalität

Im 18. Jahrhundert wurde die Idee der Hosenträger aus rein praktischen Erwägungen geboren, sozusagen als Vorläufer der Gürtel. Zu dieser Zeit war das Tragen von Hosen auf unser Geschlecht beschränkt und so auch der Einsatz von Hosenträgern. Sinn und Zweck war schlicht ein Verhindern vom Rutschen der Hose. Genauso wie die Latzhose von anno dazumal, welche den Arbeitsalltag der damaligen Bevölkerung mit Praktikabilität und Bequemlichkeit ausstattete.

Passformen und Qualität der Hosen fanden in dieser Zeit auf einem völlig anderen Niveau statt – heute ist Funktionalität daher kein Thema. Besonders beliebt waren sie bei Kindern, welche die Hosen der älteren Geschwister abzutragen hatten. Das Volk konnte sich freilich nur sehr eingeschränkt beim Maßschneider einfinden. Es war die Geburtsstunde der Volkstracht, welche den Hosenträger von Anfang an mit einbezog. Nicht zuletzt an den folkloristischen Lederhosen wurde diese Tradition bis heute am Leben erhalten.

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Doch die schickere Variante – jene, die damals den Herrenanzug mit individuellen Körpermaßen vereinen konnte, noch ehe man auf Gürtel zurückgriff, galt und gilt als Klassiker. Dieser Aspekt ist auch der verbleibende: Tradition, ob in Form von Folklore oder Eleganz. Heute stellt sich die Frage nach der Funktionalität nicht. Wann Hosenträger fashiongemäß eingesetzt werden können liegt im Gesamtbild, der Kombination und der persönlichen Einstellung zu Tradition im Auftreten.

Lust auf Rollenspiele?

Ob Hosenträger oder nicht, lässt sich also nur anhand des konkreten Anlasses und der sonstigen Garderobe beantworten. Damit ist die Antwort immer individueller Natur. So ist der Hosenträger Ausdruck von Tradition und die Frage lautet: Welche Rolle möchte ich konkret einnehmen? Greift man ohnehin auf traditionelle Basics zurück, schwarze Hose und Schuhe und weißes Hemd, ist der Hosenträger immer erlaubt – für den Ausdruck von Tradition allerdings unnötig. In dieser Kombination dürfte das Tragen eher Aufgeschlossenheit ausdrücken, ein „Mehr“ an Tradition.

Hochoffizielle Anlässe sollten auf diese Weise nicht besetzt werden. Halboffizielle Events, Auftritte von Musikern oder künstlerische Zusammenkünfte dagegen benötigen oft genau solche Akzente. Es ist meist eine bestimmte Klientel, die ein solches „Mehr“ vertrauensvoll bewertet, möglicherweise als Vortragender bei innovativen Workshops oder bei Bällen mit jungem Publikum. Dazu dürfen Hemd und Hose ebenfalls von der klassischen Linie etwas abweichen – die Hose auch einmal mit leicht schlabbriger Tendenz, das Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, eine Kappe – hier bewegt man sich auf gerade in künstlerischen Kreisen richtig. Wer den bewusst altmodischen Style bedienen will, liegt dagegen mit einer Treviarhose und Hosenträger goldrichtig.

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Genauso verhält es sich bei einer gut gewählten Alltagskleidung in Ergänzung mit dem Hosenträger: Auch hier ist es reiner Individualismus, dem Ausdruck verliehen wird. Dazu holte ich mir theoretische Anregungen aus dem Verkauf ein und versuchte eine Analyse der eigenen Beobachtungen – mein Resümee:

Herunterhängende Hosenträger

Heikel betrachte ich herunterhängende Hosenträger mit Jeans, besonders mit engem Shirt. Dabei sollte die Hose eher locker sitzen und auf keinen Fall eine enge Passform haben. Erst dann ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild. Es ist auch achtzugeben, nicht zu in den „Clown-Style“ zu verfallen – es sei denn, der Anlass erlaubt es, wie etwa einem Komödianten. Hier ist es fast ideal. Doch wie gesagt – sonst ist Vorsicht geboten. Auch hinsichtlich dessen, dass die Hosenträger immer gut sitzen müssen und nicht von der Schulter rutschen dürfen, wenn man sich doch gegen herunterhängende entscheidet.

Normalo-Typ

Am alltagstauglichen erscheinen mir eher breite Hosenträger, auch „Herkuleshosenträger“ genannt, die zu einer guten Jeans mit fast jedem Hemd kombinierbar sind. Es sollte nur nicht zu bunt sein und insgesamt farblich stimmig. Die Verbindung zwischen klassischen weißen Hemd und stylischen Schuhen, etwa Turnschuhen in einer Knallfarbe, wird am besten durch Hosenträger geschaffen.

Der Jüngling

In Verbindung mit einem Top werden Hosenträger auch gerne unterhalb getragen. Dann sind sie nur im Schulterbereich sichtbar. Dazu passen fast nur Jeans. Diese Aufmachung ist aber nur eingeschränkt einsetzbar – vor allem auf Partys. Sehr beliebt ist diese Aufmachung in den USA und England.

Hosenträger und Krawatte – geht das?

Ja, auch das „geht“ – allerdings ist auf Musterungen zu achten. Manche Modelle an Hosenträgern, wie vor allem mit Streifen, schränken auf einfarbige Krawatten ein. Ein elegantes Bild erreicht man beispielsweise mit einem dunklen Anzug und Hosenträger, weißem Hemd und einfarbig knalliger Krawatte – vor allem in tiefem Rot.

Die Clips des Hosenträger

Hier hat die Modewelt einen Aufhänger um sich selbst bei Hosenträger immer wieder ins Leben zu rufen: Mit neuen Macharten an Clips kann jederzeit die Fashion bestimmte Modelle als „in“ präsentieren. Dies passiert freilich nicht oft, denn das Tragen an sich ist von ihr kontinuierlich unabhängig aber seltener von der breiten Masse praktiziert.

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Das Gute daran: Die Modemacher vernachlässigen Vorgaben, so dass durchaus ein älteres Modell dem letzten Trend entsprechen kann. Diese Freiheit wird kaum noch bei einem Kleidungsstück gewährt. Zur Auswahl stehen heute gleichwertig Clips aus Metall und solche, die den Hosenträger optisch durchlaufend „gleich“ erscheinen lassen und unten nur unauffällige Knöpfe aufweisen. Für welche man sich entscheidet sollte rein nach Geschmack erfolgen. Die Modemacher verhalten sich hier neutral.

Mister X oder Y?

Die Ansicht von hinten lässt entweder gekreuzte Hosenträger oder eine Form des „Y“ zu. Letzteres muss exakt mittig befestigt werden. Wenn man beim Anziehen auf sich alleine gestellt ist, sollte er immer schon vor dem Anziehen der Hose fixiert werden, sonst schafft man kaum die richtige Position.

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Bei der X-Form, also zwei Clips, gibt es einen Tipp zur Orientierung: Gürtelschlaufen. Da man aber selber bestimmen kann und soll, wie weit sie auseinanderliegen sollen, sollte man vorher ein bisschen probieren. Je nach persönlichen Maßen bei der Breite des Oberkörpers schafft man mit unterschiedlichen Positionierungen ein jeweils anderes Bild und man kann die Betonung des eigenen Körpers ideal anpassen.

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Ein schmaler Oberkörper sollte sie keinesfalls zu eng aneinander befestigen und vice versa. Niemals aber sollte zusätzlich ein Gürtel verwendet werden – das ist zu weit von der eigentlichen Bestimmung entfernt und schafft ein unmögliches Gesamtbild.

Nimmt man sich diese Regeln zu Herzen, ist der Hosenträger immer ein zeitgemäßes Kleidungsstück. Es muss nicht immer von den Modemachern neu akzentuiert werden, was Schick und Fashion gerecht wird – der Hosenträger jedenfalls hat seine eigentliche Bestimmung der Funktionalität überlebt und bleibt auch künftig ein erlaubtes Mittel zur Individualisierung der eigenen Aufmachung.

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Ein Kommentar

  1. Hosenträger waren eigentlich noch nie out – doch Dank Fernsehserien wie „Peaky Blinders“, „Downton Abbey“ und „Mr. Selfridge“ sowie Kinofilmen wie „Der große Gatsby“ rücken Sie immer wieder in den Fokus der Männermode. In Frankreich „Les Bretelles de Léon) oder England (Albert Thurston) gibt es wahre Institutionen, die sich dieses Erbes verschrieben haben und hochwertige Hosenträger („braces“ und „bretelles“) herstellen. Ob X- oder Y-Form, das bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen.

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