Maßschuhe – Schuhe für die Ewigkeit

Heutzutage holt sich immer seltener jemand Ideen und Kostenvorschläge über Maßschuhe ein. Warum auch, Modelle überfluten uns und Größen, Zwischengrößen sowie Einlagen runden individuelle Erfordernisse ab. Zumindest erscheint es uns so. Um ehrlich zu sein, kommt man erst gar nicht auf die Idee des maßgeschneiderten Schuhs. Die Vor- und eventuellen Nachteile, vor allem aber worauf im Einzelnen zu achten ist, sind uns deshalb immer weniger bewusst. Mag auch das gängige Angebot am eigenen Fuß „passen“, können sich umso gravierendere Vorteile ergeben, wenn man noch genauer hinschaut.

Geschichte der Maßschuhe

Die Geschichte der Maßschuhe ist die Geschichte des Schuhs selber. Logisch, die Industrialisierung begann mit bereits lange beschuhten Menschen. Schon 7.000 v. Chr. nutzte man Blätter und Tierhäute und wickelte sie sich zum Schutz über die Füße. Die Schuhe des legendären Ötzis rund 2000 Jahre später waren schon gewoben und geflochten. Im Inneren fanden sich Gräser, um Nässe fernzuhalten – auch heute werden im guten Schuhhandel natürliche, pflanzliche Materialien dazu eingesetzt.

Im Mittelalter waren die Schuhe noch immer eher gewickeltes Stiefelwerk, doch die sogenannten Schnabelschuhe der feineren Schichten erinnern bereits ein wenig an die Machart von heute. Die Länge der Spitze gab Auskunft über den Stand und es bestand eine strenge Reglementierung. Nicht jeder durfte sie tragen. Sklaven war das Tragen von Schuhen anfänglich ganz untersagt.

Maßschuhe Maßschuh Lederschuhe (1)

Es gab nur Einzelanfertigungen. Ein Handwerk wuchs heran. Die Grundidee ist dieselbe von heute. Tiefgreifende Änderungen fanden seither gar nicht statt. Während das 19. Jahrhundert schon Schuhe für jedermann aus allen Materialien bereitstellte, ging es auch mit industrieller Fertigung zügig voran. Noch lange nicht ausgedient aber hat der Schuhmacher, der mit Maßband die Füße seiner Kunden selber ins Visier nimmt und Feinarbeit leistet.

Warum das Vorteile bieten sollte und worauf zu achten ist, erfährt heute nur noch der Kundige. Denn es gibt Mitläufer und Details, die das Ergebnis erst ausmachen. Und ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis ist für jeden wichtig – auch den, der schlicht noch nicht die Idee hatte, beim Meister zu kaufen. Doch „step by step“.

Aus der Sicht von heute unterscheidet man orthopädisches Maßschuhwerk und klassische Maßschuhe. Hier werden freilich keine Schuhe für den Gesundheits- oder Arbeitsbereich behandelt, manche Vorzüge aber finden auch hier Geltung: Wer den Fuß gesund bettet, betreibt beste Prophylaxe.

Kosten und Zielgruppe der Maßschuhe

Der Meister des Handwerks wird leider nicht von jedermann beauftragt. Es ist eine einfache Rechnung im Vergleich zu handelsüblichen Modellen, die viele abschreckt. Wer aber ohnehin preislich am oberen Niveau einkauft, sollte zumindest darüber nachdenken. Denn in Sachen Qualität hat schon manch guter Name im Fachhandel enttäuscht, während der Maßschuster sich Nachlässigkeit nicht leisten möchte. Er würde seinen Namen verlieren und spürt im Gegensatz zum internationalen Designer jeden Kunden, der ihn persönlich zu schätzen wissen könnte.

Maßschuhe Maßschuh Lederschuhe (3)

Man muss schlicht die Lebensdauer und Funktionalität berücksichtigen, um eine Abwägung erst durchführen zu können. Es sind bis zu knapp 400 Arbeitsschritte für ein Paar Herrenschuhe erforderlich. Das hat natürlich seinen Preis. Man muss die Zielgruppe als gehoben betrachten, weil die Anschaffungspreise höher liegen. Mit einem Maßschuh hebt man sich damit aber auch von der Masse ab. Besonders wer diverse Probleme mit seinen Füßen hat, sollte die Anschaffung in Betracht ziehen.

20 Jahre Lebensdauer – ein Bluff?

Immer wieder hört oder liest man von scheinbar unglaublichen Angaben zur Lebensdauer. Bei rahmen- oder handgenähten Schuhen ist das aber keine unrealistische Vorstellung. Vielmehr sind wir gewöhnt, Schuhe so lange Zeit erst gar nicht verwenden zu können oder das überhaupt zu wollen. „Alte Schuhe“ indizieren heute ungepflegte Eindrücke und Stinkeschuhe. Dem gepflegten Maßschuh wird so allerdings Unrecht getan. Denn keiner beugt solchen Eindrücken besser vor als er.

Maßschuhe Maßschuh Lederschuhe (4)

Die Wegwerfgesellschaft uns prägt leider nachteilig zulasten echter Qualität. Es ist einfach zu differenzieren: Erwirbt man hochaktuelle Modelle, die den Besitzer nur einige Saisons lange interessieren, wäre es auch nicht nötig, langlebige Schuhe im Schrank zu haben. Klassische Herrenschuhe aber, die gut gepflegt werden und auch dementsprechend aussehen, wären optisch im Jahr 1995 genauso angemessen gewesen wie 2015.

Rechnet man auch einen vergleichsweise sehr hohen Kaufpreis auf diese Jahre um, dann lohnt sich die Anschaffung allemal. Man erspart sich gewiss fünf Neuanschaffungen von der Stange.

Vorteile von Maßschuhe

  • Maßgenauigkeit befördert orthopädische Gesundheit – Verformungen, Hornhaut, Nagelpilz aufgrund feuchten Klimas und Schweißfüßen wird vorgebeugt.
  • Ersparnisse aufgrund langer Lebensdauer
  • Ethische und ökologische Vorteile: Der ökologische Fußabdruck der importierten Massenware hinterlässt Spuren auf unserem Planeten. Der Schustermeister vor Ort arbeitet insofern rationell. Bei echtem Leder wird vor Ort auf aus Europa stammende Tierhäute zurückgegriffen, während in asiatischen Regionen Tierschutzbestimmungen nicht einmal am Papier bestehen. Ähnlich verhält es sich bei den Arbeitsbedingungen der Arbeiter, man betrachte nur die Missstände in Bangladesh. Ob für Mensch, Tier oder Umwelt – bei umfassender Kenntnis der Umstände entscheiden sich die Konsumenten heute kaum noch für die Billigvariante.
  • Dieser Zeitgeist wirkte sich auch langsam auf die Gesellschaft aus. Während sichtbar bekennender Öko-Style ein Programm für Minderheiten blieb, übertrug sich ein besseres Problembewusstsein auch auf die gesellschaftlichen Anforderungen im Auftritt und schick ist heute, wer gezielt dort einkauft, wo man auch für unsere Werte steht.

Worauf zu achten ist beim Kauf eines Maßschuhs

Trittbrettfahrer gibt es überall. Selbst vorgefertigte Einzelteile lassen sich oft als „Maßschuh“ verkaufen, wenn Sohle und Oberteil zur Kombi-Auswahl angeboten werden. Bietet jemand wesentlich billiger an als der Mitbewerber, ist Vorsicht geboten. Der Preisvorteil sollte sich zumindest sachlich erklären lassen. Als Laie aber kann man selbst beim Anblick des fertigen Schuhs noch keine Qualitätsdiagnose abgeben, oder zumindest kaum: Wird er etwa als „rahmengenäht“ bezeichnet und wurde in Wahrheit aber geklebt, erkennt man das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Zumindest nicht an dieser Stelle, sondern erst dann, wenn die erhoffte Langlebigkeit ausbleibt.

Maßschuhe Maßschuh Lederschuhe (6)

Die Ausballung zwischen Sohlen besteht beim guten Schuh aus Filz und Kork. Der Ramschhändler verwendet dagegen Sägespäne, Gummi oder Pappe. Aber auch beim Rahmennähen selber gibt es eine Qualitätsspanne, die nach unten viel Luft lässt: Der Faden muss mit Pech vernäht sein, um im Falle einer Beschädigung dennoch abgedichtet zu bleiben. Von den unterschiedlichen Qualitätsstufen der Materialien für Fäden ganz abgesehen.

Kontrolle mit freiem Auge

Der „Rahmen“, also das Zusammentreffen des Oberteils mit der Sohle, lässt sich durch ein Andrücken etwas genauer unter die Lupe nehmen. Dabei verbleibt die Hand an der Sohle und die Finger drücken den Oberteil an, so dass die Naht hervorgerückt wird. Wenn diese trotz Druck unsichtbar bleibt, ist es ein Anzeichen auf Handvernähen und gute Verknotung. Denn dann wurden auch die Enden abgeschnitten, so dass die exakte Führung ein Verschwinden der gesamten Naht ermöglicht.

Maßschuhe Maßschuh Lederschuhe (5)

Einzelne Fäden dürfen ruhig erkennbar sein. Klebenähte dürfen dabei aber nicht hervortreten, wenn von guter Qualität gesprochen wird. Wichtig ist bei diesem Test ein ausreichender Druck, andernfalls kommt ihm keine Aussagekraft zu. Je weniger man sieht, umso enger wurde die Einstichnaht gefertigt und umso besser sind Qualität, Haltbarkeit und somit auch die Lebensdauer.

Fazit zum Maßschuh

Wer modisch betrachtet kein nur kurzlebiges Modell erwerben will, sondern den Erwerb eines langlebigen und im klassischen Sinn einsetzbaren Schuh kaufen möchte, liegt beim guten Maßschuhmacher goldrichtig. Rechnet man etwa den Marktwert eines namhaften Designers gegen, liegt man preislich schon knapp beisammen mit einem Modell des Maßschneiders. Wird die Lebensdauer hochgerechnet, ergibt sich ein sattes Plus – vorausgesetzt, man pflegt richtig.

Bei solchen Käufen ist man aber auch hinsichtlich Beratung und guter Pflegeprodukte beim Maßhandel besser aufgehoben als sonst wo. Man kann auch davon ausgehen, dass der renommierte Erzeuger keine Schundprodukte anbietet. Dagegen kann sich der teuerste Kauf beim Händler als kurzlebiges Unterfangen herausstellen.

About Sebastian

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3 Kommentare

  1. Gut geschrieben und sehr interessant!
    Ich denke, dass Du konkrete Preisangaben oder Preisspannen bewusst vermieden hast.
    Ich habe zwei Schumacher in meinen Stadt kontaktiert. Der eine lag bei etwa 1000€ der andere bei 2000€ (beide Preise ohne Leiste). Der Teurere bietet als alternative Maßschuhkonfektion an ca. 400€.
    Kannst Du vielleicht doch was zu den Preisen sagen? Bei Deinen Recherchen zu dem Artikel hast Du bestimmt was darüber erfahren.

    Danke für den Artikel.

  2. @Arthur: zwischen 1000 und 2000 ohne Leisten ist schon halbwegs realistisch. Entscheidend ist aber ob ein Probeschuh darin enthalten ist und welches Leder verwendet wird (Kroko oder Kalb) und natürlich auch die Ausführung (Plain, Broque, Stiefel, Schuh, Slipper). Meines Wissens nach ist aber unterhalb 2000 mit Leisten und Probeschuh nichts wirklich handwerklich seriöses im echten Maßschuhbereich zu bekommen.

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