Norwegerpullover – ein Name, der wohl alle von Kindheit an begleitet, doch immer seltener zu hören ist. So scheint es zumindest. Hat er wirklich ausgedient? Oder gehört er der Elite jener Kleidungsstücke an, die stillschweigend ihre Popularität beibehalten? Ist er ein Relikt aus Großmutters Zeiten oder Repräsentant edler Qualität, Stilbewusstseins und Qualität?

Was ist eigentlich ein Norwegerpullover?

Muss ein Norwegenpullover in Norwegen gefertigt worden sein oder zählen andere auch? Im Grunde – nein. Andere zählen auch. Sind die individualisierbaren Merkmale tatsächlich vorhanden, ist es an sich egal, wo er gemacht wurde. Es ist ähnlich wie bei Möbelstücken in asiatischem Stil, die hier erzeugt werden. Jeder weiß, es ist nicht original, aber es gefällt.

Aus Norwegen stammt allerdings die Art der Musterungen im Material. Norwegerpullover haben eine eigene Historie und Entwicklung – je näher die Ausführungen von heute diesen Produkten kommen, umso eher kann man von einem Norwegerpullover sprechen. Ob die Fertigung in Norwegen zu diesen Eigenschaften zählt, darf jeder für sich beantworten und ist nur theoretischer Natur. Es gibt durchaus Produkte aus anderen Ländern, die alle Ansprüche erfüllen, und zu Norwegerpullover zählen. Es geht nur um das „Wie“, nicht das „Wo“.

Die Geschichte des Norwegerpullover

Schon im 19. Jahrhundert schuf sich eine norwegische Provinz den besonderen Ruf mit Erzeugnissen dieser besonderen Art, die sich weltweit etablieren konnten und seither niemals zur Gänze von der Bildfläche verschwanden. Der Name lautete „Lusekofte“ oder auch „Sedegalsgense“, wobei erstere Bezeichnung nur für die damaligen Originale heranzuziehen ist und die zweite schlicht eine Ortsangabe für die Herstellung der Pullover darstellt. Zum Ausdruck kam aber auch damals schon der spezifische Stil.

Die Herkunft der Norweger-Strickmuster liegt in Setesdal, einem Tal im Süden des allgemein traditionsbewussten Landes. Die Wollerzeugnisse aus diesem Ort dienten nicht nur als Wärmespender, welche selbst von Schafhirten im Alltag bewährter Weise eingesetzt wurden. Sie waren handgefertigt, identitätsstiftend bis in die Städte hinein und entwickelten sich zu einem verfestigten Teil der norwegischen Kultur. Damit geht freilich auch heute noch ein besonders hoher Stellenwert der Norwegerpullover in dem Staat selber einher.

In seinen Anfängen war der Norwegerpullover noch lediglich in zweifarbiger Ausführung bekannt: schwarz-weiß. Langsam setze sich die Hinzufügung einer dritten Farbe, nämlich rot, durch. Das änderte sich im Laufe der Zeit und sodann allerlei Farben erlaubt waren. Modelle aus dieser Geschichte finden sich teilweise sogar in Museen und an sonstigen kulturellen Schauplätzen. Sie sind Zeitzeugen einer langen Epoche, die nur langsam an die Fertigungsweise von heute heranführt.

Gemeinsam ist den alten Ausführungen vor allem die ausschließlich vorne und oben platzierte Musterung, während sich hinten, an den Armen oder in den unteren Bereichen nur unifarbene Materialien finden. Die Passform der Relikte aus dieser Zeit war relativ weit geschnitten und die Bündchen, sowohl an Armen als auch bei der Gesamtlänge, lagen vergleichsweise eng am Körper an.

Eine andere Entwicklung schlugen andere „Kofte“ ein – sie findet man hauptsächlich in grün/beige mit wenigen roten Elementen und gar keinen Bündchen. Deren Charakter lässt kaum Spielraum für Gemeinsamkeiten mit modischen Modellen von heute. Man rechnet ihre Optik gänzlich der nordischen Folklore zu und kann nur Nuancen daraus in aktuelle Erzeugnisse übernehmen.

Die weitere Entwicklung ist freilich unterschiedlich, je nach Weltregion. In Norwegen selber behielt der Norwegerpullover bis heute seinen Status und die Machart wurde kaum verändert.

In anderen Teilen der Welt ist zu differenzieren: Etwa im deutschsprachigen Raum wurde er eine Zeitlang zu einem beliebtes Kleidungsstück für alternative Trends – Stichwort Öko, also bestimmten Gruppen. Dabei wurde die starke Anlehnung ans Original bewusst auch in Abweichung zu allgemein modischen Entwicklungen in Kauf genommen. Man grenzte sich vielmehr davon ab und setzte ein politisches Statement, welches den Anfängen der Grünen Parteien entspricht. Zum Ausdruck gebracht wurde damit die Naturverbundenheit, eine Art Verzicht auf optische Aspekte der Industrialisierung.

In der späteren Entwicklung relativierte sich die Einsatzfähigkeit des Norwegerpullovers ebenso wie die optischen Zugehörigkeitstrends dieser alternativen Gruppen und wurden allgemeintauglicher. Vergleichsweise viele Studentenkreise, spätere Akademiker sind deklariert politische Anhänger des Öko-Gedankens geworden und man differenziert sich optisch heute eher mit nachhaltig erzeugten Produkten – Stichworte: biologisch, vegan, sozial fair, während der allgemein modische und damit ein für die Massen tauglicher Stil beibehalten wird. Daraus lässt sich heute kaum eine parteipolitische Zuordnung mehr ableiten.

Um zum Thema zurück zu gelangen: Der Norwegerpullover darf klarerweise in allen Farben getragen werden, mit aktuellen Passformen, Schnitten oder sonstigen Abweichungen vom Original. Und der Ort der Herstellung ist nicht relevant. Die Abgrenzungen bilden die jeweilige Musterung und im Einzelfall wohl auch schwierig.

Welche Musterungen sind original?

Damit die Muster tatsächlich zur Wirkung kommen und teilweise überhaupt umsetzbar sind, ist die Verwendung eines eher dünnen Garns obligatorisch. Es sind sehr kleine, feine Elemente. Ein besonders spezifisches Muster ist die sogenannte Selburose, ein achtzackiger Stern.

Unsere typischen Weihnachtspullover, die ihrerseits zwar traditionell geformt aber etwa mit Rentieren ausgestaltet sind, haben mit dem klassischen Norwegerpullover hingegen mehr nichts zu tun. Auch die Assoziation ist eine völlig andere.

Norwegerpullover von heute

Heute lässt sich beides vereinbaren – Moderne und Tradition. Idealerweise findet man Produkte in den neuen Passformen, mit frei kreierten Farbenspielen, sogar Pastell ist erlaubt, und der Hauch norwegischer Tradition durch möglichst originale Musterungen. Dabei kann der altbewährte Stil beibehalten und mit allgemeingültiger Fashion kombiniert werden. Selbst unter dieser Prämisse verbleiben noch genügend Möglichkeiten für individuelle Präferenzen – wenngleich die Suche nach einem entsprechenden Stück nicht immer einfach sein muss. Doch im Zeitalter der Digitalisierung schaffbar.

Eine hochwertige Verarbeitung und besondere Erzeugungsbedingungen, die sich im Einklang mit den ethisch/ökologisch geltenden Idealen vereinbaren lassen sind auch hier Spitzenreiter in Sachen Winter-Style 2017. Aufzupassen ist, wie immer, bei der Verwendung des Namens im Handel.

Dort gilt: Winterliche Pullover mit Muster werden als Norwegerpullover angeboten. Wer lediglich einen typischen Pullover mit irgendwelchen Schneeflocken oder Zacken an der Vorderfront erwirbt, mag durchaus einen guten Kauf getätigt haben und damit auch zufrieden sein. Ob man aber von einem Norwegerpullover sprechen sollte oder nicht, ist eine andere Frage.

Gepostet von Sebastian

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Ein Kommentar

  1. […] aus Strick wie Strickpullover und Norwegerpullover stehen dieses Jahr mehr den je im Trend. In Kombination mit Rot als trendigem Farbton vollkommen […]

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