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Schuh-Guide: Der Derby

Der Derby-Schuh gilt als Klassiker für den Herrn, wenn gleich ihm eine gewisse Eigenwilligkeit zuteil wird – gewusst wie, eröffnen die Modelle allerdings exquisite Kombinationsmöglichkeiten. Seine Bezeichnung mag gerade den jüngeren Generationen eher unbekannt sein, beim Griff zur Stangenware und ohne persönliche Beratung erwirbt man Abarten und Ausführungen, welche der Bezeichnung nicht mehr entsprechen.

Der Derby kennzeichnet sich ausnahmslos durch seine Machart, dem „Derby-Schaftschnitt“ und seiner offenen Schnürung: That´s it – andere Schuharten mögen vieles sein, nur kein Derby. Darum ist dem modebewussten Mann doch zur Einholung minimalen Grundwissens über die Natur des Derbys anzuraten: Der Derby-Schaftschnitt besteht aus zwei Seitenteilen, welche von der Fersennaht ausgehen und je für sich am Vorderteil liegen zu scheinen. Beide Teile verbinden sich nur durch die Schnürung und sind gänzlich voneinander und vom Vorderteil getrennt. Ein Blick sollte so ausreichen, um einen echten Derby von diversem Schuhwerk zu unterscheiden.
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Derby, ein Klassiker aus dem 19. Jahrhundert

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildete sich bereits diese grundsätzlich elegante Machart heraus, doch der genaue Ursprung lässt sich in regionaler Hinsicht kaum eingrenzen. Es gilt jedoch als gesichert, dass in einer Grafschaft namens „Derby“ einer der Herren einen besonders hohen Fußrist aufwies und so permanente Schwierigkeiten bei der Schnürung hatte.

Herrenschuhe mit Schnürung, wie beim Oxford, entsprachen dem damaligen Zeitgeist und waren gerade bei offiziellen Anlässen nicht wegzudenken – und das auf mehreren Kontinenten. So befand man sich im Zeitalter, wo der elegante Stil mit Schnürung ein Muss darstellte und damals wie auch heute ein hoher Fußrist nach Derby-Schuhen verlangt: Der Schuhmacher der Grafschaft war auf die Erarbeitung und Herstellung angewiesen und es wurde zugleich ein Trend geschaffen, der in solider Hartnäckigkeit für klassische Eleganz bis heute noch die tonangebende Linie vorgibt.

Freilich sind die Ausführungen und Vorzeichen für die Kombination mit der Kleidung und den Anlässen beim Tragen andere.
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Unterscheidung des Derbys für Spezialisten

Der Vorteil beim Derby ist, dass jeder bei ausreichendem Interesse zum Spezialisten bei der Unterscheidung werden kann und durchaus im Kaufhaus mit besserem Wissen ausgestattet sein kann als der Verkäufer außerhalb der Fachhändler. Die Schuhart gilt zwar als Grundmodell, das nicht schlechthin gewisse Varianten und Anpassungen ausschließt.

So bildeten sich etwa der „Budapester“ und der „Norweger“ heraus, welche den Kriterien entsprechen. Diese beiden Arten stellen allerdings keine wirklichen Untergruppen dar. Wissenswerte Unterscheidungen liegen in einem anderen Bereich.

Der grundsätzlich glatte Vorderteil wird „Vorderblatt“ genannt. Die beiden parallelen Vorderteile bezeichnet man in der Fachsprache als Quartiere. So sind drei Teile das stetige Grundgerüst eines Derbys – ohne jeden Kompromiss. Vorne legen sich die zwei Seitenteile in eine „Zunge“, welche durch traditionelle Schnürsenkel geschlossen werden. Dort arbeitet man – annehmliche Qualität vorausgesetzt – mit einer Verstärkungsnaht um dem regelmäßigen Spannen beim Ziehen der Schnürsenkel gerecht zu werden.
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Der „Derby-Bogen“ gibt die Linienführung vor, womit diese Naht auch zum Kennzeichen für Authentizität und Stilbewusstsein ausgebaut wurde. In Abgrenzung zum Oxford-Schuh weist er keine geschlossene Schnürung auf. Eine weniger bekannte Variante, welcher eine eigene Bezeichnung erhielt und nicht unter die Derbys zu reihen ist, ist allerdings der „Blücher“ und bringt so eine gewisse Gefahr von Verwechslung mit sich: Dieser wird ebenfalls mit Schnürung geschlossen, doch ist sein Schaftschnitt ein völlig anderer.

Varianten des echten Derbys

Viel Spielraum für Varianten scheint oberflächlich beim Derby nicht vorhanden zu sein. Hier liegt die Akzentuierung allerdings im Detail, welches zu jeder Zeit seit sein Erscheinungsbild immer wieder neu positioniert werden kann: durch den Abschluss der Quartiere, dem Derby-Bogen. Aber auch eine generelle Bezeichnung als „Bogen“ entspricht nicht ganz der Richtigkeit – nur bei der klassischen Variante des Derbys wird mit einem solchen gearbeitet. Die Unterarten bildeten sich hiervon differenziert heraus und bereiten dabei dem klassischen Charakter keinerlei Abbrüche:

Der „Steil-Derby“ – hier steigen die Nähte der Quartiere linear an, ohne dass Rundungen Einlass gewährt wird. Es sind de facto Linien. Ist der vordere Winkel spitz ausgeführt, nennt man das Schuhwerk einen „Spitz-Derby“ – beide Ausführungen kennzeichnen den Träger zwar genauso durch Klassik und Eleganz, hinsichtlich der Derby-Arten gilt allerdings der bogenförmige Derby als Klassiker. Stilmäßig erleidet der Träger der vorgenannten Arten in keinster Weise unter Glaubwürdigkeitsverlust.

Als eine weitere Art setzte sich der „Mokassin-Derby“ durch: Wie beim Mokassin wird vorne mit einem zusätzlichen Blatteinsatz gearbeitet. Ob Eleganz zum Ausdruck gebracht wird, ist von den Bögen oder Linienführungen unabhängig – dies wird anders entschieden.

Die jeweiligen Ausführungen sind bei Einhaltung dieser Grundregeln nicht mehr so streng zu sehen. Die Derbys dürfen komplett auf Verzierungen verzichten und verleihen so vielleicht ein Mehr an Impressionen von Tradition und zeitloser Eleganz. Der Ausdruck in der Fachsprache dieser Ausführung lautet schlicht „plain“. Fashion und Moderne erlauben aber durchaus etwa eine Querkappe („captoe“) oder Lochverzierung („Halfbrogue“) sowie Arten mit Flügelklappe („Fullbrogue“).
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An kalten Tagen braucht man übrigens nicht auf den Klassiker verzichten: seine Ausführung als Stiefel erlaubt ganzjährigen Einsatz. Man nennt den Stiefel „Derby-Boot“ und seine robuste Höhe verschwindet unproblematisch unter dem Hosenbein.

Stil und Verwendung – die Schwierigkeit liegt im Detail

Im Vergleich zum gänzlich strengen Oxford steht der Derby eher auf der sportlichen Seite. Während Erstgenannter sozusagen vom Träger hochoffizieller Anlässe vorzuziehen ist, verleiht der Derby seinem Besitzer individuelle Gestaltungsfreiheit. Insofern ist es auch nicht zulässig, von Vorne herein Vorgaben für seinen konkreten Einsatz zu entwickeln. Erst hinsichtlich der genauen Machart, den eingesetzten Materialien, der Farbe oder Farbenkombination und mögliche Verzierungen oder dessen gänzlicher Verzicht darf selbständig entscheiden werden. Es ergibt sich viel Spielraum für eigene Akzentuierung, gerade im Vergleich zum doch insofern strengeren Oxford.

Der klassische und nicht verzierte Derby-Schuh dient dem Business-Anzug genauso als adäquater Partner als dem Träger von Jeans. Freilich könnten bei Jeans und ergänzenden T-Shirt dem Derby-Träger Stilbrüche entstehen, doch auch hier ergibt sich heute bereits ein gewisser Spielraum.
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Ein Polo-Shirt oder Freizeithemd wäre gewiss eine gute Ergänzung, jedoch könnte man sich mit modernem Rundbogen-Shirt in Widersprüche begeben. Hingegen würde der ergänzende Einsatz eines Sakkos denselben Auftritt retten – es liegt also in der Hand des Konsumenten, sich mit einem Derby gekonnt in Szene zu setzen. Man sagt dem Derby zu Recht nach, das vielseitigste Schuh-Modell zu sein.

Bei näherer Betrachtung erkennt der stilbewusste Mann also die Möglichkeiten, welche ein Derby-Schuh in der Garderobe verleiht. Zugegebenermaßen gehört ein gewisses Feingefühl zur jeweiligen Kombination. Wer auf der sicheren Seite bleiben will, kann sich aber mit etwas Recherche heutzutage selber sensibilisieren.

Hier ein paar Tipps: Je mehr Verzierung, desto lockerer ist das „Einsatzgebiet“ eines Derbys. Lochverzierungen im Sommer ergänzen sich ideal mit Leinenstoffen bei der Kleidung. Der klassische Derby-Schuh sollte sich auf eine Kombination mit klassischer Kleidung beschränken. Es lässt sich heute online durch die Eingabe von Stichworten in Suchmaschinen eine reichliche Auswahl an Kombinationsmöglichkeiten eruieren und vorab anhand Bilder eine eigene Sensibilisierung erreichen. Das Vorhandensein eines Derby-Schuhs im eigenen Repertoire offenbart jedenfalls viele neue Möglichkeiten.

Weitere interessante und für den modernen Mann passende Schuhe findest du auf folgender Seite: Herrenschuhe – eine Übersicht.

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Copyright Fotos: Melvin & Hamilton

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