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Weingläser – welches Glas passt zu welchem Wein?

Wer hier von bloßen Stilfragen ausgeht, irrt gewaltig. Es gibt durchaus sachliche Erfordernisse für ein Differenzieren und sorgsame Auswahl der Gläser, sofern man die Facetten eines Weintrinkers auch aktiv aufgreifen und nach außen dem Genuss eine adäquate Note verleihen will. Es wäre auf jeden Fall äußerst schade, wenn sich jemand als Gastgeber durch die Verwendung falscher Gläser ins schlechte Licht rückt oder gar den Geschmack und Erscheinungsbild eines edlen Tropfens beeinträchtigt.

Die Historie des Weintrinkens wird von verschiedenen Entwicklungsschritten begleitet bis man letztlich in Glas die überragenden Vorzüge der zur Verfügung stehenden Materialien erkannte. Keramik und Ton, Kupfer, sogar Gold und Silber wurde in der Geschichte zur Erzeugung von Trinkgefäßen für Weine herangezogen – Glas setzte sich durch. Warum eigentlich?

Geschmackseinbußen waren in vergangenen Zeiten zwar definitiv vorhanden, doch wurden sie alternativlos hingenommen und waren insofern „normal“. Der Anblick der Tafel war dabei freilich prächtig und die Trinkgefäße erschienen in prachtvollem Design, vor allem an den Höfen der Adeligen. Ein Österreicher, Claus Redel, widmete sich erstmals der Frage der Funktionalität und so setzten sich die heutigen Weingläser nach folgendem Prinzip durch: Der Inhalt bestimmt die Form.

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Wir alle kennen heute von klein an die bauchigen Weingläser mit Stil, teils mit Goldrand und die meisten von uns kennen auch die gängigen Einschränkungen bei der Verwendung. Doch gelten diese Vorgaben nach wie vor? Wie lauten sie eigentlich genau und warum?

Grundprinzipien bei der Auswahl von Weingläsern

  1. Die Farbe des Inhalts muss immer genau erkennbar bleiben. Würde man täuschende Nuancen oder auch Formen verwenden, könnte man niemals Satz, Farbe, Korkreste oder Bläschenbildung feststellen. Auch sollte man die Farbtöne der verwendeten Weine kennenlernen.
  2. Bouquet – das Schnuppern am Wein sollte nicht durch kleine Öffnungen den Umfang einschränken können: je breiter die Öffnung, umso mehr Riechstoffe dringen in die Nase ein.
  3. Geschmack – dies mag nun ungewohnt klingen, doch seit Redel wird vertreten, dass selbst Formen den Geschmack beeinflussen können. Unten im Beitrag wird dies noch näher erläutert. Bei den verwendeten Materialien liegen mögliche Auswirkungen auf der Hand.
  4. Nachhall – rein vom Weinglas abhängig ist ein harmonischer Nachhall, der uns vielleicht in der Gesellschaft von heute immer seltener präsentiert wird. Umso schöner ist es, diese Art von Life-Style am Leben zu erhalten und seine eigene Eigenschaft als Gastgeber aufzuwerten.

Ist man sich dieser Punkte bewusst, räumt man der Auswahl der Gläser einen bedeutenderen Stellenwert ein und wird diese Anschaffung auch mehr genießen. Immerhin erfüllt es einen selber mit Stolz, sich und seine Lebensart, sein Heim und Stilbewusstsein bestmöglich zum Ausdruck zu bringen.

Vielfalt im Handel

Einen Durchblick im Dschungel der bunten Angebote zu erhalten mag auf den ersten Blick schwierig zu sein. Für einen Privathaushalt sind es jedoch nur einige Gläserarten, mit denen man sich schon gewissermaßen perfektionieren kann. Freilich gibt es heute auch Gläser, die auf ganz bestimmte Weinsorten zugeschnitten sind, doch das fällt in den Bereich derer, die sich der Welt der Weine als persönliches Hobby widmen.

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Es ist jedoch nicht üblich oder in gesellschaftlicher Hinsicht notwendig, dass man sich mit dem Kauf von Gläsern auf ganz bestimmte Sorten einschränkt. Ausgenommen richtigen Weinkennern würde das auch kein Gast erkennen und selbst solchen ist klar, dass die eigenen Präferenzen nicht alltagstauglich sind, sondern sie sich selber davon bewusst abheben.

Die Architektur des Glases

Die „Architektur“ des Glases besteht aus drei Teilen: Kelch, Stiel und Fuß. Der Stiel dient einem ganz bestimmten Zweck, der aber nur am Rande aus Stilgründen bedeutsam ist: Vor allem verhindert dieser ein rasches Erwärmen des Weins durch die Körpertemperatur an den Händen. Und diese Temperatur erfüllt übrigens nicht eine Art „Selbstzweck“, sondern sie zeichnet sich verantwortlich für die Freigabe der Aromen – also den konkreten Geschmack.

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Trendige „Weingläser“ ohne Stiel, die sogenannten Tambler, sind zugleich auch „Weingläser“ ohne Stil – ihr Vorteil liegt immerhin in der ebenso möglichen Verwendung für Fruchtsäfte oder ähnliches. Es ist fraglich, ob man sie deshalb überhaupt als Weinglas bezeichnen sollte, immerhin wird auch traditioneller Life-Style damit verwässert. Differenzierte Bezeichnungen erhalten ebensolche Kenntnisse am Leben und sorgen für besseres Allgemeinbewusstsein.

Beim Trinken ist auch darauf zu achten, das Glas wirklich am Stiel anzufassen. Das ist reine Gewohnheit und es erweckt auch einen doch dilettantischen Eindruck, ein echtes Weinglas am Kelch zu greifen.

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Der Kelch selber erscheint uns in der Warenpalette in unzähligen Ausgestaltungsmöglichkeiten. Hier eine Auswahl zu treffen braucht ebenfalls Kenntnis der Basics. Immerhin drückt Werbung auch als Produktangabe und Beratung stets ein Spannungsverhältnis aus, welchem man nur durch Eigenregie bei Informationseinholung gegensteuern kann. Schlank oder bauchig, große Öffnung oder schmale Öffnung nach oben sind die wesentlichsten Kriterien bei den Formen. Diese sind Grundlage für die Entfaltung des spezifischen Charakters des jeweils servierten Weines.

Standard-Gläser für Rotwein

Der Kelch ist hier bauchig, aber langgezogen. Der Stiel ist relativ lang. Die Öffnung ist aber größer als beim typischen Weißweinglas. Jede beschriebene Eigenschaft erfüllt hier einen eigenen Zweck – der langgezogene und so schmalere „Bauch“ etwa steuert bei zarten Rotweinen mit schon geringem Tannin-Gehalt einer Verflüchtigung der Aromen gekonnt gegen.

Die beiden noch gängigeren Unterarten beziehen sich auf Bourdeaux und Burgunder. Beide sind anders ausgestaltet und kommen in ihrer Architektur mehreren Rebsorten besonders entgegen. Wer eine derart tiefe Unterscheidung treffen möchte, ist bereits nur mehr im guten Fachhandel aufgehoben – es ist durchaus möglich, dass sich heute Anbieter von Massenware mit den exquisit klingenden Namen bekannter Rebsorten aufwerten und auf undurchschaubare Weise zum Dumpingpreis höchsten Ansprüchen gerecht werden sollte.

Standard-Gläser für Weißwein

Im Verhältnis zum Rotwein-Standard-Glas ist der Kelch geringerer Statur. Dies deshalb, weil sich die Aromen in bauchigeren Formen schneller verflüchtigen würden. Gerade hier gilt es, das Glas nur am Stil anzufassen. Selbst geringere Erwärmungen schränken die Geschmacksentfaltung ein.

Als gängigste Untergruppe sind Gläser für Riesling zu nennen. Bei diesem wird mit dem ausgestellten Mundteil sogar dem Umstand Rechnung getragen, dass der vom Kelch provozierte komprimierte Duft mit der Nase verstärkt wahrgenommen werden kann.

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Ferner sind, schon zur Abgrenzung, die Sekt- und Champagner-Gläser anzuführen. Besondere Getränke, wie etwa Prosecco, sind bekannterweise auch in diesen zu servieren. In Form von Schalen erfüllen sie allerdings überwiegend optische Zwecke. Man kann sie nur am Kelch anfassen und sind schränken insofern die Vorteile ein – möchte man aber prächtige Türme an der Tafel aus ihnen fabrizieren und wird der Inhalt ohnehin sofort getrunken, tut das nichts zur Sache. Gemeint sind hier Feierlichkeiten, wo eine Menge an Menschen auf bestimmte Ereignisse anstößt. Ihr Einsatzgebiet ist also differenziert und eine andere Situation.

Der Einsteiger – das braucht man

„Was brauche ich?“ – die Frage ist an dieser Stelle bereits einfach zu beantworten. Wer sich die Standard-Rotwein-Gläser in ausreichender Anzahl anschafft und mit Sektflöten ergänzt, begeht gewiss keinen Fehler. Auch Weißwein ist in Ersterem durchaus anzubieten. Handelt es sich um Fans von bestimmten Rebsorten, ist die Kaufempfehlung schon dadurch indiziert und in gutem Fachhandel danach zu fragen. Einer künftigen Erweiterung um Weißwein-Gläser und bauchige Rotweingläser steht später nichts im Wege.

Kennt man nun seine grundsätzlichen Ansprüche, stellen sich weitere Detailfragen – nämlich jene von Herstellungsverfahren und den Materialien. Man erkennt an der Naht beim Stiel, ob ein maschinelles Erzeugungsverfahren angewandt oder mundgeblasen gefertigt wurde mit freiem Auge. Denn nur wenn eine Naht überhaupt sichtbar ist, ist maschinelle Fertigung indiziert. Manche kombinieren auch, wie Nachtmann in Bayern, wobei nur der Kelch mundgeblasen wird.

Kristallglas ist übrigens hochwertiger als Bleikristall – das bedeutet am konkreten Produkt besonderen Glanz und Klarheit, aber auch ein übertreffendes Klangerlebnis beim Anstoß, sofern dieser, wie bei Feiern von besonderen Umständen überhaupt noch stattfinden. Auch hohen Ansprüchen an Robustheit werden Gläser aus Kristallglas gerecht. Die sichtbaren Vorteile des Polierens per Hand können niemals wettgemacht werden, selbst wenn mit Spülmaschinentauglichkeit geworben wird.

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Bleifreies Kristallglas ist grobkörniger als „normales“ Glas – einer Entfaltung der Aromen ist hier besser gedient. Bei Bleikristall ist auch von einer sehr hohen Bruchfestigkeit zu berichten. Die Struktur verhindert eine Weitergabe der Blei-Anteile und ein besonders ausgeprägter Glanz wird gewahrt.

Die Frage des Preises, welchen man zu zahlen bereit ist, lässt sich nur individuell lösen – eine kleine Faustregel aber ist zu erwähnen: Die Summe, welche man für eine Flasche des guten Tropfens auslegen will, stellt auch die angemessene Größenordnung für ein Gläser-Set dar.

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